
Reihenhaus
Ein Haus verändert die Menschen, die darin wohnen. Und die Menschen verändern das Haus.
Eine Zeit- und Familiengeschichte über drei Generationen in vier Wänden.
Karoline Harthun: Reihenhaus
Ein archäologischer Roman
Hamburg: BoD 2025
Paperback: € 16,99
360 Seiten
ISBN: 978-3695116775
E-Book: € 9,99
ISBN: 978-3695739097
Hauptfigur des „archäologischen Romans“ ist das Reihenhaus selbst. Wie und warum es so eine zentrale Bedeutung erlangte, dazu gleich mehr. Hören wir uns an, wie der Protagonist auf den ersten Seiten vorgestellt wird:
Eigentlich ist es gar kein richtiges Haus, eher eine Wohnung in einem umgestürzten Hochhaus. In dem auf die Seite gekippten Gebäude hängen zehn miteinander verbundene Einheiten wie ein einziger Patient an einem lebenswichtigen Strang und werden gemeinsam versorgt.
Feuer, Sand und Tod, das ist es, worauf die Häuser gegründet sind. Das Feuer kam mit dem Krieg und verwüstete die gerade erst gelegten Fundamente. Der Tod zog mit den Menschen ein, den vaterlosen Familien, den Ehepaaren ohne Söhne, den Männern mit nur einem Arm und steifen Beinen. Und der Sand, der Sand war schon immer da. Wir tanzen auf dem mürben Deckel der märkischen Streusandbüchse.
Erzählt wird die Geschichte des Hauses und der Menschen, die in ihm gewohnt haben und wohnen. Eines von Kurts, des ersten Bewohners, letzten Worten war „Wirrsal“ – eine passende Überschrift für die bereits in diesen ersten Passagen sich andeutenden Wirrnisse. „Kein richtiges Haus“ und darin ein für die Zeit sehr typisches eben. Die Fundamente in der Nazizeit gelegt, während des Krieges vergessen, in den 1950ern zum ersten Mal als „Reihenhaus“ bezogen. So wie die Bewohner der ersten Generation, die nach Nazizeit und Krieg in ein neues Leben gleichsam ausgespuckt werden – ohne Worte für die Erfahrungen, die sie seelisch erschüttert und entwurzelt hatten. Im vorletzten Kapitel „Das Haus auf den Kopf stellen“ fasst die Autorin ihr literarisches Projekt folgendermaßen zusammen:
Spuren meiner Familie, gelesen im märkischen Sand. Ich lege Fundstücke frei und deute sie. Wo keine Sprache ist, müssen Dinge reden. Dabei ist die Wahrheit über Dinge schon kaum zu bewältigen, die Wahrheit über Beziehungen unerreichbar. Darum will ich eine Archäologin der Dinge sein.
Bevor ich weiter in die Familiengeschichte eintauche, noch ein kleiner Einschub. Mich haben die zahlreichen sehr treffenden und zuweilen sarkastischen Beschreibungen des Berliner Nachkriegslebens und der -architektur sehr beeindruckt. Nur eine kleine Kostprobe zur Erinnerung:
Aber in diesen Zeiten machte sich niemand Sorgen, seine Schulden nicht zurückzahlen zu können. Der russische Bär hatte sich ermattet hinter seine Gitterstäbe zurückgezogen; manche hielten ihn für einen Popanz. Die Entspannungspolitik der Ostverträge hatte einen klebrigen Film aus Sonnenmilch und Popcornkrümeln über die Mauerstadt gelegt, und West-Berlin schaukelte gemütlich dem tiefsten Punkt seines Dornröschenschlafs entgegen.
Sicher, es gab die Ölkrise und die autofreien Sonntage. Aber der Nahe Osten war noch fern, und Auto fahren konnte man in West-Berlin ohnehin nur eingeschränkt. Der Familienspaziergang auf der von Autos leergeräumten AVUS blieb als Kuriosum im Gedächtnis haften, nicht als Schrecken. Die Folgen der Rezession bekam man in West-Berlin dank unerschöpflicher Bundesmittel kaum zu spüren. Als die sozialdemokratische Bundesregierung an der Massenarbeitslosigkeit zerbrach, schüttelte man in West-Berlin den Kopf darüber. Hier war jeder unkündbar.
Ich möchte jetzt zwei der menschlichen Protagonisten etwas ausführlicher in Erinnerung rufen, wie sie dem Leser wortgewaltig und prägnant vor Augen geführt werden.
An diesem Abend verliebte sich Kurt, und das Gefühl unerfüllter Sehnsucht ergriff von ihm Besitz und sollte ihn nie wieder verlassen, als wäre es eine Art Markenzeichen. Um ihn herum erklangen spitze Schreie und grölendes Gelächter, verknäulten sich Menschenleiber ineinander und sanken beglückt zu Boden, und er selbst versank immer tiefer in Einsamkeit.
Aus diesem emotionalen Schützengraben würde er nie wieder entkommen, nach dem Krieg nicht und auch später niemals. Und doch, nachdem er seine ganze Jugend über herumkommandiert und geschunden worden war, vom Vater, von der Mutter, dem Bruder, von Lehrern, seinem Meister, Gefängniswärtern, SS-Führern, Offizieren, Professoren, wollte er nun, da er dem Schlimmsten entronnen war, endlich etwas Spaß haben. Die letzten Jahre hatte er sich vornehmlich selbst geschunden, da er sich seiner mangelhaften Bildung wegen auferlegt hatte, neben seiner Berufstätigkeit zu studieren, und darum im Schnitt vierzehn Stunden am Tag arbeitete, auch am Wochenende, aber das war zum Glück ebenfalls geschafft, und er durfte sich geprüfter Verwaltungsassessor nennen. Jetzt konnte das Leben endlich beginnen!
Erst spät erscheint dann das literarische Ich, auch K2 genannt, gezeugt in der Dachkammer, die ihr späteres Kinder- und Jugendzimmer wird.
Der Verschlag unter dem Dach ist meine Wiege und mein Sarg. Hier bin ich gezeugt worden, hier werde ich sterben.
Das kleine Zimmer unter dem Dach, welches später mein Kinderzimmer, noch später mein eigenes Eheschlafzimmer sein wird, ist schon immer mein Krähennest gewesen. Hier oben liege ich auf dem Bett – für anderes Möbel ist kein Platz; von hier aus beobachte ich das Geschehen, das unter mir im Schiffsbauch abläuft. Genauer gesagt beobachte ich es nicht, sondern belausche es.
K2 wächst in einer Umgebung auf, in der die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt sind und damit, ihre wortlose emotionale Not lautstark zu übertönen. Kinder sollen in dieser Welt vor allem ein: nicht stören und leise sein.
Gerüche, Geräusche, alles, was Aufmerksamkeit erregte, war verpönt, denn das Leben der Erwachsenen war anstrengend genug. So lernten die Kinder früh, all ihre Äußerungen nach innen zu lenken, um nur kein Missfallen zu erregen. Vor allem lernten sie, keine Geräusche zu machen. Ruhe war das oberste Gebot.
Sicherheit und Halt findet K2 in ihrem Zimmer beziehungsweise im Haus.
In meinem Krähennest überstand ich manches Gewitter. Die Blitze schlugen nicht über mir, sondern unter mir ein. Sie setzten das Fundament unter Strom, aber mein Bett diente als Blitzableiter. Dort unten waren sie nicht so glücklich, wie ich an den Hilferufen erkennen konnte. Die Donnerschläge ließen die Türen zuknallen und Glasscheiben zerbrechen. Nach dem letzten und lautesten Schlag hörte ich jedes Mal den Motor des Mercedes aufheulen. Dann wusste ich, nun war der Moment gekommen, dass ich meinen Ausguck gefahrlos verlassen und mich an Deck begeben konnte, wo ich niemanden mehr vorfinden würde. Die Rettungsboote waren zu Wasser gelassen worden, die Besatzung hatte das Weite gesucht.
Das Haus ist meine Familie. Es verleiht mir die Sicherheit, die mir meine Eltern nicht gaben.
Für K2 wird ihr Bett zum „wichtigsten Zufluchtsort“ und sie selbst zur „souveränen inneren Weltreisenden durch die Hauptstädte und Provinzen der Imagination“. Von der disharmonischen familiären Umgebung versucht sie sich mit allen Mitteln abzuschirmen.
Nicht nur nachts, auch tagsüber war mir mein Bett der wichtigste Zufluchtsort. Dort hielt ich mich auf, dort versuchte ich, ein Bollwerk gegen die Umgebung zu errichten, indem ich apotropäische Zeichen einsetzte, um die Außenwelt abzuwehren. Die stählerne Tür war meine Verbündete. Sie hielt die Geräusche ab. Der Nachteil war: Sie schirmte mich so gründlich ab, dass ich nicht gewarnt wurde, wenn sich jemand näherte.
Gegen Ende des Buches ist das Haus verlassen. Es ist zum Sinnbild des emotionalen Lebens seiner Bewohner:innen geworden.
Als mit K3 der jüngste und vorläufig letzte Bewohner ausgezogen war, versuchte das Haus, langsam und vorsichtig auszuatmen. Aber es kam nicht weit. Zu vollgestopft waren seine Räume. Und nichts bewegte sich darin, gab nach oder wurde biegsam und sanft, wenn man es darum bat. Nur hartes, starres Zeug stand herum, ineinander verkeilt wie alte Knochen in einem Grab. Jedes einzelne Zimmer war angefüllt mit Verlassenheit. Jedes war ein schmerzender Körperteil, gefesselt mit Nervensträngen und beladen mit Ballast.
Im vorvorletzten Kapitel kommt es schließlich zu einer überraschenden dramatischen Wendung: „Da staunte das Haus. So etwas hatte es in vierzig Jahren nicht erlebt.“ K2 kehrt ins Haus zurück und gestaltet es in einem anderthalb Jahre währenden „Kraftakt“ komplett um: „Sie war es, die das vollgestopfte Haus schließlich von seiner Last befreite und ihm neuen Atem schenkte.“ Indem sie sich das Haus zu eigen macht, befreit sie sich von ihrer Vergangenheit.
Sie häutete und häutete sich, und irgendwann lagen die Nerven blank. Die Raufasertapete verschwand und mit ihr das schützende Kostüm, das K2 in ihrem ganzen bisherigen Erwachsenenleben getragen hatte: das verführerische Gewand der begabten, erfolgreichen, durchaus begehrenswerten jungen Frau, Klassenbeste, Stipendiatin, vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerin, erfahren in allen Belangen des Lebens, Handwerkerin, Tänzerin, Läuferin, Schwimmerin, Reisende, Freundin, Ratgeberin, Liebhaberin, Drogenkonsumentin, aber vor allem Geistesarbeiterin, voller Ideen und Freiheiten, wissbegierig, mutig, gewagt, promiskuitiv, selbstverleugnend, ahnungslos, ratlos, verloren.
Christian Bartmann
